Der Sichelspeer der Hōzōinryū (4)

Der Sichelspeer der Hōzōinryū (4)

Nara Kofukuji Kasuga Taisha

Von Kagita Chūbê, 20. Sōke der Hōzōinryū

Der Kōfukuji im Mittelalter

Das japanische Mittelalter, das die Zeit von der zweiten Hälfte der Heian-Zeit1 über die Kamakura-Zeit2, die Nanbokuchō-Zeit3 bis hinein in die Muromachi-Zeit4 und die Sengoku-Zeit5 umfasst, ist gekennzeichnet durch den Wechsel von einem dynastischen Monarchie hin zur Herrschaft durch den Kriegerstand. Gleichzeitig war diese Zeit durch den Niedergang des alten Lehenssystems, in dessen Zentrum die kaiserliche Zentralregierung stand, geprägt, der durch das Auftauchen tatsächlicher lokaler Machthaber wie den militärischen Provinzverwaltern6 oder den Grundverwaltern7 vorangetrieben wurde.

Der Kasuga Taisha Des weiteren entwickelten sich seit der ausgehenden Heian-Zeit auch die großen buddhistischen Tempel und Shintō-Schreine wie unter anderem der Enryakuji oder der Kōfukuji zu eigenständigen militärischen Kräften, indem sie Heere von Mönchskriegern unterhielten. Immer wieder zogen Mönchskrieger des Kōfukujis, den göttlichen Willen symbolisierende, mit heiligen Spiegeln8 und geweihten Seilen9 geschmückte Sakaki-Zweige10 aus dem Kasuga-Taisha11 vor sich hertragend, in großer Zahl vor dem kaiserlichen Palast im Zentrum von Kyōto auf, um die Forderungen des Tempels durchzusetzen. Wurden diese nicht erfüllt, wurde diese geheiligten Zweige vor dem Tor des Kaiserpalasts zurückgelassen und (durch den damit verbundenen psychologischen Druck) jede politische Handlungsfähigkeit zum Stillstand gebracht.

Zusammen wurden der Enryakuji und der Kōfukuji "Nanto-Hokurei"12 genannt und so sehr gefürchtet, dass der Tennō Shirakawa13 über die Erpressungsversuche des Enryakujis klagte: "wenn es etwas gibt, das mir nicht gehorcht (obwohl ich der Kaiser von Japan bin), dann sind es die Stromschnellen des Flusses Kamogawa, die Würfel beim Sugoroku14 und die Priestersoldaten vom Berg Hiei".

Der mittelalterliche Kōfukuji hatte die Kontrolle über fast alle Ländereien in der Provinz Yamato15. Mit dieser wirtschaftlichen Macht im Rücken hatte der Tempel in seinen Blütezeiten über 100 Nebentempel und Mönchsunterkünfte und 3000 bis 5000 Mönche. Die meisten dieser Nebentempel waren entweder dem Ichijōin oder dem Daijōin16 unterstellt. Auch unser Hōzōin war ein Untertempel des Kōfukujis und dem Daijōin untergliedert.

Der Kōfukuji In der Heian-Zeit war der Kōfukuji de facto mit den Rechten eines Landesherren ausgestattet, die vom Ichijōin und dem Daijōin ausgeübt wurden. Dass diese beiden Untertempel eine so exaltierte Stellung erreichen konnten, lag daran, dass der Kōfukuji von Fujiwara no Kamatari17, dem Urahnen der Fujiwaras und dessen Sohn Fujiwara no Fuhito18 gegründet worden und der Familientempel der Fujiwaras war. Außerdem war der Kōfukji der Tempel, in den die Söhne aus den Regentenhäusern19 (das waren die Familien, die einen Sesshō20 oder Kanpaku21 stellen konnten) eintraten.

Auch als vom Shōgunat für alle Gebiete in der Kamakura-Zeit Grundverwalter bzw. in der Muromachi-Zeit militärische Provinzverwalter eingesetzt wurden, änderte sich nichts daran, dass der Kōfukuji über die Provinz Yamato herrschte. Diese Provinz war ein Gebiet, wie es in Japan kein zweites gab, in das die Macht des Shōgunats nicht reichte. So immens war die Macht des Kōfukujis.

Innerhalb des Kōfukujis wetteiferten der Ichijōin und der Daijōin, die gleichberechtigt nebeneinanderstanden, um die Vorherrschaft, kooperierten aber auch und kämpften gemeinsam, wenn es nötig war. Den "Shuto" genannten bewaffneten Mönchen des Tempels kam die Aufgabe zu, die Ländereien in der Provinz Yamato und deren Bewohner zu beschützen. Ich stelle mir vor, dass dies die sozialen Bedingungen waren, die Hōzōin Inei formten und unter denen er die Vorteile des Sichelspeers erkannte, was ihn zur Erfindung eigener Techniken mit dieser Waffe und schließlich zur Gründung seines eigenen Stils innerhalb des Kōfukujis führte.

Der Kōfukuji hatte eine große Laien-Gefolgschaft, und die Einnahmen aus seinen ausgedehnten Ländereien ermöglichten es ihm, einzelne Talente ebenso zu fördern wie die Kultur im ganzen. So leistete er einen großen Beitrag zur Entwicklung der Künste, als Wirtschaft, Wissenschaft und Kunsthandwerk in Japan zu florieren begannen. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass vieles von dem, was wir heute als traditionelle japanische Kultur bezeichnen, wie das Nō-Theater, die Teezeremonie, Ikebana, Brautechnik oder die Kampfkünste ihren Ursprung im mittelalterlichen Nara hatten.

Naras Geschichte reicht als Heijōkyō22 1300 Jahre zurück, und ich frage mich beständig, ob wir unser Augenmerk nicht viel stärker auf seine mittelalterliche Kultur richten sollten.

(Zuerst erschienen im Nara-Stadtmagazin Ubusuna am 05.04.2009)

Anmerkungen:
1. 794 - 1185
2. 1185 - 1333
3. 1336 - 1392
4. 1392 - 1573
5. 1467 - 1568
6. Shugo
7. Jitō
8. Metall-Spiegel mit einer polierten Seite werden in vielen Shintō-Schreinen als Symbol einer Gottheit verehrt.
9. Shimenawa; diese Strohseile, kennzeichnen heilige Orte, Bäume usw.
10. Sperrstrauch (Cleyera japonica), der im Shintōismus als heiliger Baum angesehen wird.
11. Dieser Shintō-Schrein liegt in unmittelbarer Nähe des Kōfukujis. Wie der Kōfukuji auch war der Kasuga-Taisha von der Familie der Fujiwaras gegründet worden. In der späteren Heian-Zeit wurde der Kōfukuji im Rahmen des shintō-buddhistischen Synkretismus' in den Kasuga-Taisha integriert.
12. Wörtlich: Südliche Hauptstadt und der Berg im Norden; gemeint sind damit der Kōfukuji in Nara, der alten Hauptstadt, die südlich von Kyoto liegt, und der Enryakuji auf dem Berg Hiei, der im Nordosten Kyotos liegt.
13. 1053 - 1129
14. Ein dem Backgammon verwandtes Würfelspiel.
15. Entspricht der heutigen Provinz Nara.
16. Der Ichijōin und der Daijōin wiederum waren Untertempel des Kōfukujis.
17. 614 - 669; Gründer des mächtigen Clans der Fujiwara, geboren als Nakatomi no Kamatari, organisierte den Isshi-Zwischenfall (siehe Folge 2).
18. 659 - 720; Zweiter Sohn Kamataris. Er verlegte den Familientempel der Fujiwaras, der bis dahin Yamashinadera geheißen hatte aus Kyōto nach Nara und benannte ihn in Kōfukuji um. 768 wurde dann der Kasuga-Taisha, der shintōistische Hauptschrein der Fujiwaras, der sich bis dahin auf dem Berg Mikasa befunden hatte an dessen Fuß in die Nähe des Kōfukujis verlegt.
19. Das waren fünf Adelsfamilien, die zum Clan der Fujiwaras gehörten, nämlich die Ichijō, die Konoe, die Kujō, die Nijō und die Takatsukasa.
20. Regent für einen unmündigen (oder weiblichen) Tennō.
21. Regent für einen mündigen Tennō.
22. Naras alter Name.

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