Die Speere
Geschrieben von Jürgen Seebeck   
Keikoyari
Keikoyari

Keikoyari (Trainingsspeere) sind auch in Japan nicht einfach so im Handel zu bekommen. Ein einziges Mal sah der Autor dieser Seiten einen Kamayari in einem Budô-Geschäft in Tôkyô, und ein einziger Holzwaffenvertrieb in Japan bietet solche Speere über seinen japanischen Internet-Shop an. Teuer. Und Versand natürlich nur innerhalb Japans.

Also bleibt nur der Weg, einen Schreiner mit der Herstellung zu beauftragen oder sich seine Übungsspeere selber zu bauen. Keine Angst, das ist nicht nur gar nicht so schwierig, sondern macht sogar eine Menge Spaß.

Der Jûmonji Kamayari (kreuzförmiger Sichelspeer)

Keikoyari
Jûmonjiyari
Maße:
Länge: ca. 273 cm
Durchmesser: verjüngt sich von ca. 32 mm am Griffende auf ca. 25 mm an der Spitze

Dies sind die Maße der in Nara verwendeten Speere. In Hamburg setzen wir entweder solche mit einem Anfangsdurchmesser von 35 mm bei Enddurchmesser von 25 mm oder solche mit einem Anfangsdurchmesser von 30 mm bei einem Enddurchmesser von unter 25 mm ein, abhängig vom verfügbaren Material und dessen Qualität.

Ca. 24 cm von der Spitze entfernt wird eine Querstange von 16 cm länge in den Speerschaft eingelassen. Breite und Stärke derselben hängen vom verwendeten Material ab. Anfangs benutzten wir Holz, sind aber in den letzten Jahren dazu übergegangen, wie in Nara nur noch Bambus zu verwenden, dann reicht eine Breite von etwas weniger als 20 mm bei einer Stärke von 6 - 8 mm aus und der Speerschaft wird an dieser Stelle nicht unnötig geschwächt.

Der Suyari (gerader/einfacher Speer)

Keikoyari
Suyari
Maße:
Länge: ca. 364 cm
Durchmesser: verjüngt sich von ca. 32 mm am Griffende auf ca. 25 mm an der Spitze

Dies sind die Maße der in Nara verwendeten Speere. In Hamburg setzen wir wiederum entweder solche mit einem Anfangsdurchmesser von 35 mm bei Enddurchmesser von 25 mm oder solche mit Einem Anfangsdurchmesser von 30 mm bei einem Enddurchmesser von unter 25 mm ein, abhängig vom verfügbaren Material und dessen Qualität.

Speerbau

Wo gehobelt wird…
Der Bau eines Speeres fängt mit der Beschaffung geeigneten Materials an. Um sich das Leben nicht unnötig schwer zu machen, besorgt man sich im Schreinereibedarf am besten Rundstäbe entsprechender Länge und Durchmessers. Natürlich kann man auch aus Kanthölzern oder Rohzuschnitten arbeiten, aber das bedeutet einen entsprechend höheren Arbeitsaufwand. Also wird sich diese Beschreibung auf das Arbeiten mit Rundstäben beschränken.

Welche Holzarten sind nun geeignet? Langfaserige mit hoher Dichte. In Japan werden wie bei den meisten anderen Holzwaffen auch Weiß- und Roteiche eingesetzt, die hierzulande allerdings praktisch nicht zu bekommen sind. (Mit Einschränkungen) erhältlich und für den Zweck sehr geeignet sind:

  • Esche - etwas leichter als Eiche. Von den hier genannten Hölzern am einfachsten zu beschaffen. Gut zu bearbeiten. Esche neigt statt zu brechen allerdings dazu, sich nach Jahren intensiven Gebrauchs längs der Faser einfach aufzulösen, was sich aber leimen lässt.
  • Eiche - etwas schwerer als Esche, allerdings nicht von durchgehend gleicher Qualität. Einige Speere aus europäischer Eiche halten Jahre lag, andere brechen nach kurzem Gebrauch.
  • Hickory - Wäre wohl das am besten geeignete Holz überhaupt. Nahezu unkaputtbar. Wurde schon im Holzhandel gesehen, allerdings nicht in geeigneten Längen. Sollte jemandem eine entsprechende Bezugsquelle bekannt sein, würde sich Sôjutsu.de sehr über eine Nachricht freuen.

Andere Hölzer könnten auch geeignet sein, entziehen sich aber dem Erfahrungsschatz des Autors. Mit Ausnahme von Mahagony, von dem ihm jeder Holzfachmann abgeraten hat. Der Suyari aus Mahagony, der sich im Besitz des Autors befindet, hat sich dennoch als sehr brauchbar erwiesen. Allerdings würde der Autor dieses Holz nicht für den Bau eines Kamayari, bei dem ganz andere Belastungen auftreten, verwenden.

Wenn das Holz besorgt ist, kann es an die Arbeit gehen. Doch wie macht man aus einem zylindrischen Rundstab einen sich zur Spitze hin verjüngenden konischen? Drechseln wäre eine Möglichkeit, doch es geht auch viel einfacher: Hobeln!

Japanische Hobel
Dazu bedient man sich am besten eines japanischen Hobels, denn japanische Hobel werden nicht gestoßen, sondern gezogen, was in Verbindung mit den sehr scharfen Klingen einen sehr viel kontrollierteren Materialabtrag ermöglicht.

Man kann den Rohling sehr gut auf dem Fußboden oder einem Tisch, der lang genug ist, zu zweit bearbeiten, wobei einer den Rundstab festhält und der andere sich in immer länger werdenden Hobelzügen von der Speerspitze zum Speerende hin vorarbeitet. Nach jeweils ein paar Zügen dreht der Halter den Rundstab immer in dieselbe Richtung ein kleines Stück, um zu gewährleisten, dass der Speer am Ende auch rund ist. Praktischerweise können sich beide Handwerker im Verlauf der Arbeit abwechseln.

Natürlich kann man auch alleine arbeiten. Nach eben beschriebener Methode bedeutet dies aber, dass eine Hand die ganze Zeit damit beschäftigt ist, den Speer zu fixieren und zu drehen, wodurch für die Bedienung des Hobels ebenfalls nur eine Hand zur Verfügung steht. Geht, ist aber bedeutend anstrengender und ungenauer als die Bearbeitung zu zweit.

Wenn man alleine arbeiten muss oder möchte. empfiehlt sich daher der Einsatz einer Hobelbank wie dieser, die sich der Autor ausschließlich für den Bau von Speeren ausgedacht hat. Hier wird der Speerrohling mit zwei Schlaufen, die durch den Hobelbankkörper führen und mit einem Pedal verbunden sind, geführt und durch das Niedertreten dieses Pedals fixiert. Bankhaken sorgen für Seitenstabilität oder dienen als vorder Anschlag beim Behobeln der Speerspitze. Man fixiert den Speer also mit einem Fuß und hat so für das Hobeln beide Hände frei. Nach jeweils einigen Hobelzügen entlastet man das Pedal, dreht den Rohling etwas, tritt das Pedal erneut nieder und macht die nächsten paar Züge, wobei man sich auch hier kontinuierlich von der Spitze zum Ende hin vorarbeitet, wobei der Speer im Verlauf der Arbeit immer weiter auf der Bank nach vorne geschoben wird. Die Erfahrung lehrt, dass eine Person in der Zeit, die zwei Personen nach Methode 1 für einen Speer brauchen, auf so einer Hobelbank zwei Speere bauen kann.

Während des Hobelns sollte man das Hobeleisen immer feiner einstellen. Anfangs grobe Späne für hohen Abtrag, später immer feinere Späne für eine glattere Oberfläche. Zusätzlich überprüft man immer wieder, ob der Speer sich tatsächlich verjüngt und rund im Querschnitt ist. Dann wird das Sakigawa (Frontkappe aus Leder wie beim Kendô-Shinai) angepasst bzw. die Speerspitze demselben. Zu guter Letzt wird der Schaft geglättet, so es denn notwendig sein sollte. Das kann man mit Schleifpapier machen oder mit Ziehklingen. Es gibt ein chinesisches Werkzeug namens Pingflot, das mehrere Ziehklingen hintereinander in einem Korpus vereint und sich zu diesem Zweck bestens bewährt hat.

Wenn man möchte, kann man noch das Speerende mit einer Fase versehen. Ansonsten wird nur noch das Sakigawa fixiert, am einfachsten mit Tape, und voilà: fertig! Zumindest was einen Suyari angeht.

Beim Kamayari steht jetzt nämlich noch die Anfertigung der "Sicheln", sprich der Querstange und deren Einpassen in den Speerschaft aus.

Das beste Material für diese Querstange ist Bambus. Hart, elastisch und widerstandsfähig. Die Rede ist nicht von Baumarkt-Bambus, sondern von Bambus, wie er für Kendô-Shinai benutzt wird. Und tatsächlich verarbeitet der Autor die unteren Klingenpartien gebrochener Shinai zu Kama (Sicheln). Hier ist das Material nämlich breit und stark genug. Bevor der Bambusspleiß auf seine endgültige Länge von 16 cm abgelängt wird, wird er zuerst auf der Innenseite plan gehobelt und zwar so, dass er von einem zum anderen Ende leicht keilförmig ist. Das garantiert später einen festen Sitz der Querstange im Schaft, ohne sie einleimen zu müssen. Ca. 6-8 mm Endmaterialstärke sind ausreichend. Nun werden die Seiten des Spleißes behobelt, bis das ganze einen flach-rechteckigen Querschnitt hat. Dann wird abgelängt.

Nun muss der Kamayari noch mit einer Aufnahmeöffnung für die Querstange versehen werden. Ob man diese nun vorbohrt und ausraspelt oder feilt oder ausstemmt, spielt keine Rolle. Wichtig ist nur, dass dieses Loch im rechten Winkel zur Holzmaser verlaufen muss. Sonst hebelt die Querstange die Speerspitze unter Last sofort entzwei. Außerdem sollte das Maß der Aufnahme mit dem der Querstange übereinstimmen, damit diese fest sitzt.

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