Stechend ist´s ein Speer
Mähend gibt er 'ne Naginata her
Man kann ihn wie 'ne Sichel zieh'n
Für den Gegner gibt es kein Entflieh'n
Hôzôinryû
Die Geschichte des Hôzôinryû Takadaha Sôjutsu Drucken E-Mail
Geschrieben von Jürgen Seebeck   

jinbutsu-a
Hôzôin Kakuzenbô Inei
Die Geschichte der Schule ist wie in den meisten Koryû (alte Schulen) gut belegt, was die Linie ihrer Oberhäupter angeht, die vom gegenwärtigen Sôke Kagita Chûbê direkt auf den Gründer der Schule Kakuzenbô Inei (vollständig: Hôzôin Kakuzenbô Hôin Inei) zurückgeht.

Über Leben und Wirken des Gründers hingegen ist relativ wenig Konkretes bekannt, und das wenige, das in Erfahrung zu bringen ist, ist häufig widersprüchlich und bewegt sich, wie viele Berichte aus der Zeit, gerne im Bereich der Legende.

Was man weiß, ist, dass Inei, mit profanem Namen Iga Iga no kami, 1521 als zweiter Sohn eines Nakamikado Tajima Tanenaga (oder Inei) geboren wurde, der seinerseits Mönchskrieger, des Kôfukuji, eines der bedeutendsten Tempel in Nara war, und im Jahre 1533 Mönch im dem Kôfukuji untergeordneten Hôzôin, dessen Abt er später wurde, wurde.

Sicher wird Inei als Sohn einer Familie, die das Kriegshandwerk betrieb, sich von Kindesbeinen an in den "Famlientechniken" geübt haben und dürfte nach seinem Eintritt ins Kloster auch an den typischen Mönchskrieger-Waffen der Zeit, Naginata und Nagamaki, ausgebildet worden sein. Viel interessanter aber ist, dass dieser Mann nach seinem Eintritt in den Hôzôin einen regelrechten Kampfkunst-Spleen, um es mal salopp zu formulieren, entwickelt und Schulen schon geradezu "gesammelt" hat.

So übte er sich beispielsweise in der Tenshin Shôden Katori Shintôryû und der Shinkageryû, um nur zwei berühmte Schulen zu nennen. Letztere studierte er zusammen mit Yagyû Tajima no Kami Muneyoshi, dem Gründer der Yagyû Shinkageryû (ebenfalls in Nara beheimatet), mit dem ihn eine Lebenslange Freundschaft verband, bei Kamiizumi Ise no Kami Nobutsuna.

1553 sollen einem zeitgenössischen Bericht zufolge Inei dann die Augen in Sachen Sichelspeergebrauch aufgegangen sein, erfunden jedenfalls hat er diese Waffe nicht, auch wenn die Legende von der geraden Speerspitze, die sich mit der Spiegelung der Mondsichel im Saruzawa no ike (ein Teich vor dem Kôfukiji in Nara) gekreuzt und Inei so zur Herstellung einer entsprechenden Waffe inspiriert haben soll, recht schön ist.

Ob schon Inei ein Formen-Curriculum verfasst hat oder ob erst sein Nachfolger Hôzôin Kakuzenbô Inshun, der übrigens sein Neffe war, die Techiken der Schule systematisiert hat, ist nicht ganz klar. Mal heißt es, Inei habe selber insgesamt 15 Formen zu Papier gebracht, andernorts wird Inshun die Ordnung der Schule zugeschrieben. Das allerdings wirft ein paar Probleme auf. Denn Inshun trat 1602 in den Hôzôin ein, als Inei mit 81 Jahren schon ein so alter Mann war, dass nicht er Inshun unterrichtete, sondern dieser Hôzôinryû-Sôjutsu von einem Mönch lernte, der Ineis direkter Schüler gewesen war. Problem Nummer zwei ist das Sôjutsu-Verbot, das Inei vor seinem Tod (er starb am 26.8.1607 nach dem Mondkalender) erlies. Damit hätte zumindest die mönchische Linie dieser Schule enden müssen, tat sie aber nicht, denn nach Ineis Tod gab Inshun das Training wieder frei.

Jahre vorher allerdings, also vor besagtem Verbot, hatte Inei die Schule, die bis dahin nur wenigen zugänglich gewesen war, offensichtlich über die Grenzen des Hôzôin bzw. Naras hinaus verbreiten wollen und deshalb mit Mitte 70 noch Schüler wie Nakamura Ichiemon und Takada Matabê Yoshitsugu, die nicht der Mönchsgemeinschaft angehörten, selber ausgebildet. Zwei Jahre vor Ineis Tod bekam Nakamura 1605 mit 29 Jahren sein Inka, sein Anbschlusszeugnis sozusagen. 10 Jahre später verlieh er selber das erste Zeugnis und zwar an Takada, der der erste von vielen hochrangigen Schülern war, die Nakamura hinterließ, was ihn im Nachhinein zum Gründer der Nakamuraha machte.

Dieser Takada Matabê wurde mit 14 Jahren Nakamuras Schüler und wie schon gesagt auch von Inei persönlich ausgebildet. Später soll er dem zweiten Großmeister (der aus heutiger Sicht klösterlichen Linie) Inshun assisitiert haben. Neben dem Hôzôinryû Sôjutsu sagt man Takada nach, auch noch Schwert, Naginata, Bogenschießen usw. von jeweils Meistern ihres Fachs gelernt zu haben, um die daurch gewonnenen Erkenntnisse schließlich in 101 Formen dem Curriculum der Hôzôinryû hinzuzufügen. Außerdem soll er ein Werk in 50 Kapiteln zu Strategie, Psychologie usw. verfasst haben.

Aber all das ist sehr unsicher, zumal man an anderer Stelle durchaus lesen kann, Takada habe mit 14 Jahren sein Inka von Inei bekommen und sei der einzige Schüler gewesen, den Inei in der Takada zugeschriebenen Kunst der Strategie und Psychologie unterwiesen habe. Was Zahlen und Fakten betrifft, geht es in der Historie eben manchmal etwas durcheinander.

Takada gründete dann in Edo ein Speer-Dôjô, wo er unter anderen einen Ogasawara Ukon Daifu Tadazane unterrichtete, was dazu führte, dass er 1623 in die Dienste der Daimyô-Familie Ogasawara treten konnte. 1637 zog er auf Einladung Ogasawara Tadazanes nach Kokura (gehörte den Ogasawara seit 1632) auf Kyûshû, wo er im Shimabara-Aufstand an der Spitze einer Einheit von Speerkämpfern die von den Aufständischen gehaltene Burg Hara eingenommen haben soll.

Interessant ist, dass derselbe Daimyô zur selben Zeit auch Miyamoto Musashi und dessen Adoptivsohn in seinen Diensten hatte. Kein Wunder also, dass es dort auf fürstlichen Wunsch zum "Duell" der beiden kam, zu einem sportlichen, dessen Ausgang allerdings - und da wären wir mal wieder bei der Widersprüchlichkeit - auch in zwei Versionen mit jeweils anderem Sieger vorliegt.

Die Schüler Takada Matabeis und drei seiner vier Söhne trugen die Hôzôinryû dann zwar nicht in die Welt hinaus, verbreiteten sie aber großflächig über Japan und machten sie zur bekanntesten und größten Speerschule der Edo-Zeit mit über 4000 Schülern, wie es heißt.

Wann und wohin dann im Laufe der Jahrhunderte all die vielen Formen verschwunden sein mögen, ist ein Rätsel. Jedenfalls waren es "nur" noch 50 Formen Yariawase (Speer gegen Speer), die Yamazato Tadanori 1918 in der Kendô-Abteilung der Daiichikôtôgakkô in Tôkyô unterrichtete.

Die Rückkehr der Hôzôinryû nach Nara bahnte sich 1974 an, als Kagita Chûzaburô, der Vater des gegenwärtigen Sôke Bürgermeister von Nara wurde, ein Amt übrigens, das sein Sohn zwischenzeitlich auch schon innehatte. Bürgermeister Kagita senior ließ das Zentrale Budôdôjô der Stadt Nara errichten, in einem auf Speertraining ausgelegten Maßstab. Zur Einweihung des Dôjôs kam Ishida Kazuto, der damalige Sôke und Vorsitzender des Alljapanischen Kendô-Verbands (Zennihon Kendô Renmei), nach Nara und führte dort Hôzôinryû Takadaha Sôjutsu vor. Auf Bitte Bürgermeister Kagitas unterrichtete er in Folge eine Handvoll Männer, mal in Tôkyô mal in Nara, darunter der jetzige Sôke und Nishikawa Gennai. Letzterer wurde 1976 von Ishida zu seinem Nachfolger ernannt, weshalb heute das Jahr 1976 als das gilt, in dem die Schule offiziell an ihren Ursprungsort zurückkehrte. Auf den jetzigen Sôke, der übrigens während seines Studiums in Tôkyô von Ishida lernte, ging dieses Amt 1991 über.

Bei der Rückkehr der Hôzôinryû in ihre Heimatstadt Nara waren insgesamt noch 35 Formen übrig: 14 Formen Omote, 14 Formen Ura und 7 Formen Shinshikake. Dies ist der Formenschatz, der heute in Nara, Higashiôsaka und Nagoya ebenso wie in Hamburg geübt wird.

 
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