Wer nicht weiß, wie man mit einem Speer umgeht, sollte von der Schwertkunst schweigen. Wer nicht weiß, wie man mit einem Schwert umgeht, sollte von der Speerkunst schweigen.
Owarikanryû
Der Sichelspeer der Hôzôinryû (7) Drucken E-Mail

Von Kagita Chûbê, 20. Sôke der Hôzôinryû

Musashi und die Hôzôinryû

Kagita Sôke
Kagita Sôke
Zwar war die Hôzôinryû die Edo-Zeit hindurch die größte Sôjutsu-Schule, doch dass ihr Name auch heute noch bekannt ist, ist wahrscheinlich Yoshikawa Eijis1 Roman "Musashi"2 zu verdanken.

Aber wie war das wirklich mit Musashi3? Nachdem er im vierten Jahr der Ära Keichô (1604) im Alter von 21 Jahren vor den Tempeln Sanjûsangendô und Rendaiji sowie unter der Kiefer beim Tempel Ichijôji, alles in Kyôto, den kompletten Yoshioka-Clan4 besiegt hatte, begab er sich unverzüglich nach Nara und dort in den Hôzôin. Zu dieser Zeit war Inei 84 Jahre alt und Inshun 16. Wahrscheinlich begründet durch das hohe Alter des ersten Oberhaupts der Hôzôinryû und das junge Alter seines Nachfolgers trat Okuzôin Dôei gegen Musashi an. Was sich damals zugetragen haben soll, ist im "Nitenki"5 niedergeschrieben. Das "Nitenki" ist eine Biographie Musashis, die lange nach dessen Tod im Alter von 62 Jahren im Jahre Shôhô 2 (1645) im Jahre Hôreki 5 (1755) von einem Schüler seines Schwertstils zusammengestellt wurde. Dort heißt es: "Der Mönch kämpfte mit einem Speer, Musashi mit einem kurzen Holzschwert. Beide Kämpfe gewann Musashi, der Mönch keinen. Musashis Können wurde gepriesen. Er blieb über Nacht im Tempel, wo er bewirtet wurde und sich (mit Inei) die ganze Nacht hindurch unterhielt, bis der Morgen anbrach. Dann verließ Musashi den Tempel."

musashi
Bildnis Miyamoto Musashis.
In zwei Kämpfen soll die Hôzôinryû also unterlegen gewesen sein. Ich messe der Aussage eines Schülers Musashis Schule über den Ausgang der Kämpfe über 100 Jahre nach Musashis Tod keine große Bedeutung bei. Was ich für viel wichtiger halte, ist der Umstand, dass beide Parteien sich nach dem Wettkampf gegenseitig anerkannten, Essen und Trinken teilten und bis zum Tagesanbruch über die Kampfkünste und das Leben redeten. Bis dahin hatte sich Musashi mormalerweise verhalten wie ein wildes Tier. Er erschlug seine Gegner und flüchtete. Der Wendepunkt in Musashis Leben, den man in seinen anspruchsvollen literarischen Werken, seiner Malerei und seinen Kalligraphien der späteren Jahre erkennen kann, lag sicherlich in Nara im Hôzôin. Daher sind die Großmeister und Angehörigen der von Musashi begründeten Nitenichiryû der Hôzôinryû auch heute noch freundschaftlich verbunden. Diese historische Beziehung über 400 Jahre hinweg stimmt mich von Herzen froh.

Später trat Musashi noch einmal gegen die Hôzôinryû an, und zwar in Kokura in der Provinz Buzen6. Darüber wird in dem Artikel "Takada Matabê"7 des inzwischen verstorbenen Lokalhistorikers Matsubara Hideyo ausführlich berichtet:

(Takada Matabê, der Gründer des Hôzôinryû Takadaha Sôjutsus,) trat ein einziges Mal gegen Musashi an. Dieser Wettkampf fand im Jahre Kanei 9 (1632) in Kokura statt, weil der Fürst Ogasawara Tadazane8 nach Kokura in Buzen versetzt wurde, wohin ihn Musashi, Iori9 und Matabê begleiteten. Ogasawara Tadazane ließ Musashi und Matabê zu sich kommen und befahl den beiden, miteinander zu kämpfen. Zuerst lehnten die beiden höflich ab, doch Tadazane insistierte. Und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als gegeneinander anzutreten, Matabê mit einem Jûmonjiyari aus Bambus10, Musashi mit einem einem Holzschwert. Zu dieser Zeit benutzte Musashi nur ein Schwert, nicht Lang- und Kurzschwert gleichzeitig. Matabê griff Musashi, der sein Schwert in Chûdan hielt heftig mit seinem Speer an. Die ersten beiden Stiche konnte Musashi parieren, doch der dritte glitt etwas ab und traf Musashi zwischen den Schenkeln. Musashi erklärte unverzüglich: "Das war nicht anders zu erwarten, Matabê. Ich gebe mich geschlagen." Woraufhin Matabê ihm bescheiden ins Wort fiel: "Wie ich es sehe, habt Ihr mich heute gewinnen lassen." Einer anderen Überlieferung zufolge, schwankte der Kampf hin und her, ohne dass ein Vorteil für einen der Kontrahenten erkennbar war, als Matabê plötzlich seinen Speer hinwarf und sagte, "ich gebe auf".

Seinem ungläubig blickenden Lehnsherrn Tadazane erklärte er: "Der Speer ist lang und das Schwert ist kurz. Doch obwohl die lange Waffe sieben zu drei im Vorteil ist, hat sie nach drei Schlagabtauschen nicht gewinnen können. Also habe ich, der mit der langen Waffe gekämpft hat, verloren." Tadazane soll mit dem Können beider Kämpfer äußerst zufrieden gewesen sein.

(Zuerst erschienen im Nara-Stadtmagazin Ubusuna am 05.07.2009)
    Anmerkungen:
  1. 1892 - 1962
  2. Originaltitel: Miyamoto Musashi.
  3. Miyamoto Musashi, 1584 - 1645, geboren als Shinmen Musashi No Kami Fujiwara No Genshin.
  4. Die Yoshiokas hatten bis dahin eine der bekanntesten Schwertkampfschulen in Kyôto geführt.
  5. Wörtlich: Aufzeichnungen der zwei Himmel; gemeint ist aber: Zweischwerts bzw. Musashis Erinnerungen.
  6. Heute Teile der Präfekturen Fukuoka, in der die Stadt Kokura heute liegt, und Ôita.
  7. Erschienen am 11.11.2002 in der Sonderausgabe "Miyamoto Musashi" des historischen Magazins "Rekishi Dokuhon" des Verlags Shinjinbutsuôraisha.
  8. 1596 - 1667
  9. Musashis Adoptivsohn.
  10. Wahrscheinlich eher ein hölzerner Speer mit einer Querstange aus Bambus, wie es bei den heutigen Trainingsspeeren der Fall ist.
 
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