Der Speer ist eine furchtbare Waffe.
Nakayama Hakudô
Der Sichelspeer der Hôzôinryû (2) Drucken E-Mail

Von Kagita Chûbê, 20. Sôke (Oberhaupt) der Hôzôinryû

Yari und Hoko

In dieser Folge möchte ich über die Speertypen Yari und Hoko schreiben.

Kagita Sôke
Kagita Sôke
Was unterscheidet Yari und Hoko voneinander? Im Allgemeinen ließe sich zwar sagen, dass Hoko-Klingen häufig rundlich geschwungene Schneiden und eine stumpfwinklige Spitze haben, wohingegen die Klinge eines Yaris gerade Schneiden und eine spitzwinklige Spitze hat, doch eine eindeutige Definition gibt es nicht.

Schon der Edo-zeitliche1 Gelehrte Arai Hakuseki (1657 - 1725) forschte zum Thema Yari und Hoko. In seinem Werk "Tôga"2 findet sich zwar folgende Schilderung: "Als der Tennô Tenji3 noch (Prinz) Naka-no-Ôe genannt wurde, griff er zu einem langen Speer, um den Minister (Soga-no-) Iruka zu töten." Doch merkte der Autor dazu an, dass dabei nicht eindeutig feststeht, ob es sich nun um Yari oder Hoko gehandelt hatte. Ich denke, dass die passendste Erklärung lautet, dass ein und dieselbe Waffe im Altertum gewöhnlich Hoko und seit der Nanbokuchô-Zeit4 allgemein Yari genannt wurde.

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Hoko (links) und Yari (rechts).
Es wird vermutet, dass angespitzte Holz- oder Bambusstangen schon seit Urzeiten für die Jagd oder den Kampf benutzt wurden. In der Steinzeit wurden diese Waffen dann mit Spitzen aus Horn oder Stein verbessert.

So, wie im Kojiki5 davon die Rede ist, dass die beiden Gottheiten Izanagi und Izanami von der himmlischen Schwebebrücke aus mit dem himmlischen Juwelenspeer "Ame-no-nuboko" hinunterstoßen, lässt sich der Gebrauch von Hokos von der Hügelgrabzeit6 bis in die Nara-Zeit7 hinein beobachten. Danach aber kam ihr Gebrauch, aus was für Gründen auch immer, aus der Mode, bis schließlich seit dem Ende der Heian-Zeit8 und während der Kamakura-Zeit9 als Langwaffen hauptsächlich Naginatas eingesetzt wurden. Im modernen Budô werden Naginatas überwiegend von Frauen benutzt, aber damals war die Naginata eine von Männern geschwungene Waffe, wie es auch die Überlieferung des Duells zwischen Musashibô Benkei und Ushiwakamaru10 auf der Gojô-Brücke in Kyôto erzählt.

Vielleicht lag es daran, dass die langen Speere, die in der Armee der Mongolen eingesetzt wurden, die in der späten Kamakura-Zeit in Japan einfielen11, als nützlich erkannt wurden, jedenfalls verbreite sich der Gebrauch dieser Waffe danach allmählich in ganz Japan.

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Der berühmte Speer Nihongô, der im Volkslied Kurodabushi besungen wird (Klingenlänge 79,2 cm).
Zuerst wurde der Terminus ”Yari“ schriftlich im Jahre Genkô 4 (1334) im "Sogashi-monjo"12 erwähnt. Dort heißt es: "Am achten Tag des neuen Jahres wurde Yagi Yajiro mit einem Yari in die Brust gestochen, so dass er mehr tot als lebendig war." Das macht diesen Yagi Yajiro zum ersten literarischen Speeropfer in Japan.

In der Nanbokuchô-Zeit wurde die wichtige Rolle der 1000 Speere Kikuchis berühmt, weil Kikuchi Takeshige Dank des Einsatzes von Speeren, die aus Bambusstangen bestanden, an deren Spitzen Dolche befestigt waren, in der Schlacht von Take-no-shita13 in Hakone mit 1000 Kriegern die 3000-köpfige Armee Ashikaga Takaujis in die Flucht schlug.

In den Schlachten der Sengoku-Zeit14 dann kamen, wenn die Kugeln und Pfeile verschossen waren, Gruppenformationen zum Einsatz, die sich die Besonderheiten des Speers zunutze machten. Zum Beispiel die Yaribusuma (Speerwand), bei der Krieger mit sehr langen Speeren Schulter an Schulter kämpften. Mit einem Speer lässt sich nicht nur stechen, sondern auch schlagen, was ihn offensichtlich auch in den Händen schlecht ausgebildeter niederer Soldaten zu einer Waffe von immenser Zerstörungskraft machte.

Auch später blieb der Speer der Star unter den Kriegswaffen, wie man es unter anderem an der Rolle, die die "sieben Speere" in der Schlacht von Shizugatake15 spielten, in der Hashiba Hideyoshi16 Shibata Katsuie besiegte, sehen kann.

Übrigens entstand auch das Sôjutsu unserer Hôzôinryû in der ausgehenden Sengoku-Zeit.

Als dann die Edo-Zeit begann und Frieden in der Welt einkehrte, schmückten Speere die Spitzen der Daimyô-Prozessionen oder wurden als zeremonielle Waffen beispielsweise beim Bewachen von Burgtoren oder Grenzposten eingesetzt.

(Zuerst erschienen im Nara-Stadtmagazin Ubusuna am 05.02.2009)
    Anmerkungen:
  1. 1603 - 1868
  2. Etwa: Der Stil des Ostens
  3. 626 - 672; die Ermordung Sogas, die die Macht dieses Clans brach, ereignete sich 645 und ist als der Isshi-Zwischenfall bekannt.
  4. 1336 - 1392
  5. Aufzeichnung alter Begebenheiten, 712
  6. 2. Hälfte des 3. Jahrhunderts bis 538; allerdings wurden auch in der darauf folgenden Asuka-Zeit bis 710 noch Tumuli errichtet.
  7. 710 - 794
  8. 794 - 1185
  9. 1185 - 1333
  10. Jugendname des Minamoto-no-Yoshitsune
  11. 1274 und 1281
  12. Aufzeichnungen über die Familie Soga
  13. 11.12.1335
  14. 1467 - 1568
  15. Mai/Juni 1583
  16. Besser bekannt als Toyotomi Hideyoshi.
 
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